veröffentlicht am 05.01.2015 um 11:05 Uhr
Heritage

Shining bright like a diamond

Als zwei Freunde sich dazu entschlossen, eine persönliche Nachbildung eines Retro Café Racers auf Basis einer 1992er BMW R 80 RT zu bauen, ahnten sie nicht, dass ihr Hobbyprojekt ein strahlendes Beispiel für die wachsende Custom-Bike-Szene in München werden würde, bewundert von BMW Fans auf der ganzen Welt.

Tom Konecny (21) und Pablo Steigleder (24) sind „Motorrad-Benzin-Brüder“. Ausfahrten an Wochenenden und Abenden in und um ihre Heimatstadt München herum waren für die beiden, wie für viele ihrer Freunde, ein fester Bestandteil ihres täglichen Lebens. 2013 sollte sich ihre Motorrad-Zukunft jedoch schlagartig ändern ....

Zu dieser Zeit stellten die beiden jungen Studenten noch keine eigenen Bikes her, sondern fuhren normale Bikes vom Fließband wie jedermann. Toms Bike war nicht neu, aber ihm lieb und teuer – er besaß die 1992er R 80 RT, seit er 17 war und hatte sie leicht verändert, als er sie mit 18 endlich fahren durfte. Im Laufe der nächsten Jahre machten es sich die beiden Fahrer zunutze, dass es eine alte Motorrad-Szene in München gab; eine kleine zwar, die jedoch schnell wuchs. Als dann die Custom-Welle, die Adaption älterer Maschinen in Café Racer, Tracker und die urbanen „Hacks“ von Frankreich und England herüberschwappten, begann die alte Münchner Brigade, ihre Bikes individuell anzupassen.

Da gab es die Besitzer „klassischer“ Bikes, wie sie manche Leute bezeichnen würden; sie nutzen ihre Werkzeuge und ihren Einfallsreichtum, um ihre Bikes zu modifizieren und schöne Beispiele für persönliches „Customising“ zu erschaffen. Doch für Tom und Pablo ergab sich ein Problem: „Wir sahen überall immer das gleiche ... besonders auf BMW-Basis rund um den Airhead Boxer Motor. Also dachten wir uns, wir könnten versuchen, es besser zu machen. Etwas Aggressiveres – etwas, womit das Bike aus der Menge herausstechen kann.“ Ein Plan wurde geschmiedet und dieser bezog Toms geliebte R 80 mit ein.

In der kurzen Zeit von Ende 2013 bis Juni 2014 machten sich Tom und Pablo daran, ihre Version eines Café Racers aus Toms R 80 RT „Spendermaschine“ zu bauen. Das Ergebnis ist, wie man den Bildern entnehmen kann, ein Beweis ihrer harten Arbeit, Hingabe, Kreativität und einer neuen Denkweise – die vor allem aus der mangelnden Erfahrung im Motorradbau resultiert! Zur gleichen Zeit kreierten sie einen Firmennamen für ihr neues Hobby: „Diamond Atelier“ (Atelier bedeutet so viel wie Werkstatt auf französisch).

„Wir sind da einfach so rein geraten. Wir haben angefangen, das Bike auseinander zu legen und das getan, was wir für richtig hielten,“ erklärt Tom. „Wir ergänzen uns irgendwie, was die technischen Fähigkeiten betrifft, von den Metallarbeiten über die Federung bis hin zur Geometrie ist unsere Aufteilung 50/50. Die Elektronik ist allerdings absolut Pablos Fachgebiet. Ich bin der Typ, der einen Knopf drückt und erwartet, dass er funktioniert. Pablo ist jemand, der sich eine Woche lang hinsetzen und mit der Elektronik spielen kann – ich hasse Elektronik. Man könnte sagen, dass ich für das Design verantwortlich bin. Wir teilen uns die Arbeit wirklich gut auf.“

Die fertige R 80 wurde das erste Mal bei den BMW Motorrad Tagen 2014 in Garmisch-Partenkirchen präsentiert. Laut Tom kam einer der Hauptverantwortlichen von BMW Motorrad zu Tom und Pablo, um sich das Bike anzusehen und mit ihnen zu reden; er war von der R 80 ziemlich begeistert. Das eine Wort führte zum anderen über das „Diamond Atelier“ und was die zwei jungen Männer damit vorhatten. Da fasste sich Tom ein Herz und fragte den Herrn von BMW direkt nach einem Job. Mit dem Ergebnis, dass Tom ein kurzes Praktikum bei der BMW Group absolvierte, im Bereich Brand Communication und Costumer Relations.

Das R 80 Projekt erregte jedoch nicht nur Aufsehen unter den 40.000 Besuchern der BMW Motorrad Tage. Auch der Rest der Customising Welt und die 'Social/Lifestyle' Magazine zeigten sich begeistert. Tom: „Die R 80 war unsere erste kommerzielle Anfertigung, die der Menge präsentiert wurde ... und sie sorgte für großes Aufsehen. Viele Magazine und Webzeitungen haben dieses Thema aufgegriffen und gefragt, wann das nächste Bike rauskommt. Wir hätten nie gedacht, dass die R 80 ein so großes Interesse nach sich ziehen und einen solchen Einfluss haben würde.“

Auch anhand der hier gezeigten Bilder wird völlig klar, dass das R 80 Bike für das urbane Umfeld gemacht ist, in dem es kreiert wurde. Super schlank und agil, schneidet es förmlich durch den starken innerstädtischen Verkehr während der Rush Hour. Die Linienführung und Farbgebung entfalten sich am besten in einer betriebsamen Umgebung, wo das Bike wirklich aus der „monotonen Menge“ herausstechen kann“, so Tom.

„Es zieht sofort Aufmerksamkeit auf sich. Vor meinem Praktikum bei der BMW Group habe ich in einem Anwaltsbüro in der Maximilianstraße gearbeitet, dem Münchner Äquivalent zur Bond Street in London, wo exotische Sportwagen mit Nummernschildern aus Dubai zum Alltag gehören. Wenn ich mit der R 80 zur Arbeit gefahren bin und sie am Straßenrand geparkt habe, haben sich die Menschen umgedreht, Fotos gemacht und Fragen gestellt etc. – ohne noch einen Gedanken an den Lamborghini Aventador zu verschwenden, der kurz zuvor vorbeigefahren ist. Diese Reaktion auf die R 80 fasst in gewisser Weise das Bike und auch das Diamond Atelier als Ganzes zusammen – du kannst mit diesen Dingern nachts in der Innenstadt oder auf dem Münchner Stadtring fahren (einer Art Autobahn-Ring um die Stadt herum) oder dich an einem Sonntagnachmittag mit Freunden treffen, um dir eine Eistüte mit deinem Café Racer zu holen und mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die auf dich zugehen, sobald du vom Bike steigst.“

Steht Tom und Pablo mit der Gründung des „Diamond Ateliers“ – und dem Erfolg der umgebauten R 80er – also nun eine Welt des Vollzeit- und rechnungzahlenden Customising offen? Es scheint, als wäre dem nicht so. Pablo arbeitete für Segway, dem Produzenten der urbanen elektrischen Scooter auf zwei Rädern, setzt nun aber seine Vollzeit-Ausbildung in einer Münchner Ingenieurschule fort. Tom arbeitet, wie erwähnt, als Praktikant, während er auf seinen Abschluss in BWL hinarbeitet.

„Nein, wir stellen keine Bikes her, um unseren Lebensunterhalt damit zu bestreiten,“ sagt Tom, „und das haben wir auch nicht vor – wir könnten es zwar womöglich, wenn wir es denn wollten, aber wir möchten uns nicht die Freiheit nehmen lassen, zu tun, was wir wollen. Wir haben mit einigen Motorrad-Shops geredet und alle haben uns gesagt, dass das Bauen von Motorrädern weitaus mehr erfordert und zu viel Zeit in Anspruch nimmt; den halben Monat wären wir mit dem Bauen beschäftigt und der Rest des Monats ginge für Dinge drauf wie das Wechseln von Öl, Filtern und Reifen und so weiter ... all das nur, um die Rechnungen zu zahlen! Das ist nicht unser Ziel, nicht das, was wir tun wollen, weil es unsere Teilzeitarbeit bzw. unser Hobby völlig vereinnahmen würde.“

Durch den Umbau der R 80 haben die beiden Youngster vom „Diamond Atelier“ sehr viel über die Kunst des Customising gelernt. Welche Errungenschaft können wir also als nächstes aus ihrer Werksatt rollen sehen? Leider ist das nächste Projekt ein Geheimnis, obwohl die Arbeit bereits abgeschlossen und von Freunden in den höchsten Tönen gelobt worden ist. Das neue Projekt beinhaltet den Motor und die Chassis einer R 100 R. Überflüssig zu sagen, dass wir die Präsentation des neuen Bikes kaum erwarten können. Wenn es genauso aufbereitet und vollendet wird wie die R 80, dann wird es wohl so etwas wie ein echtes Juwel.

Details zur R 80 aus dem Diamond Atelier:

• 18 Zoll BMW 100 R Vorderreifen
• Std Radgabel um 85 mm tiefergelegt
• Scheinwerfer zusammengebaut aus Vintage Yamaha und Honda Teilen
• ansteckbare Fehling Lenker
• Brembo PSC-16 Vorderbremsen Master-Zylinder mit verchromten Stahl-Schläuchen und Brembo Bremssattel in Verbindung mit neuen R 100 R Scheibenbremsen
• speziell angefertigte Vorderradaufhängung
• Quick-Action Drosselventil/Gaspedal von Tomaselli mit modifizierten Vergaserfedern
• Magura Handbremsen mit maßgeschneidertem Kupplungskabel und maschinellen Adaptern
• Tarozzi Rear Sets und maßgefertigtes Aluminium Gestänge
• seitlich angebrachte Nummernschildhalter an der Antriebswelle befestigt, um das Hinterrad sichtbarer zu machen
• Porsche GT3 Cup Gel Batterie unter dem Sitz
• Benzintank um 50 mm angehoben, um eine Linie mit dem Sitz herzustellen. Der Sitz selbst ist aus Fiberglas mit Polsterung. Der komplette Hinterrahmen ist von Grund auf neu gebaut und 150 mm schmaler, um den sleek look des Sitzes und des hinteren Bike-Endes zu erhalten
• Das Auspuff-System besteht aus Stock Headern, hat keine mittleren Schalldämpfer und kurze, kegelige Auspufftöpfe mit einzigartigen Lautstärkereglern, um den deutschen TÜV Verordnungen zu entsprechen
• Die Lichtmaschine, Starter-/Anlasser-Verblendungen und das Gehäuse für die Antriebswelle sind alle CNC-bearbeitet, um einen neuen Look zu generieren
• Alte Ventile/Armaturen und ringförmige Luftfilter-Gehäuse waren 'Must-haves'
• die alten Kennzeichen in den Rahmen wurden entfernt und dieser wurde gereinigt
• eine handgemischte Basisfarbe und selbst gemachte schwarze Streifen kommen auf dem Benzintank und dem Sitz zum Einsatz