veröffentlicht am 13.04.2016 um 20:26 Uhr
Heritage

Der Künstler Michael Lichter

Die Stadt Boulder in Colorado erstrahlt gerade in hellem Sonnenschein. Die Sonnenstrahlen werden durch die Reflektion auf 30 cm Schnee verstärkt. Laut einem Einwohner von Boulder ist es ein wunderschönes Motiv und dieser Herr sollte wissen, was schön ist und was nicht...

Michael Lichter, 60 Jahre alt, ist ein weltbekannter Fotograf mit einem beeindruckenden Ruf für seine qualitativ hochwertige Arbeit und seine Professionalität. In der Welt des Motorradsports wurden seine Fotos von Motorrädern – seien es Studioaufnahmen oder Aufnahmen aus dem wirklichen Leben, draußen mit den Besitzern und Gestaltern – von Millionen gesehen.

Michael Lichter ist zweifellos eine Legende in der Welt der Motorradfotografie. Dass er auch großen gewerblichen Erfolg erzielte, zeigt, wie erfolgreich dieser Mann ist. Oder vielleicht zeigt es eher, wie talentiert er ist. Wenn man das alte Sprichwort „es ist besser, gesehen zu werden, als gehört“ hört, dann ist Michael Lichter wohl das beste Beispiel dafür. Außerhalb der Motorradbranche sagt einem der Name wohl nicht gleich etwas, seine Fotos aber schon. Es kann nicht viele Werkstattwände oder Werkbänke auf der Welt geben, wo nicht irgendwann mal eine Zeitschrift oder eine herausgerissene Seite mit einem von Michael Lichter in Szene gesetztem Bike zu sehen war.

Seinen Ruf hat der führende Fotograf zwei Dingen zu verdanken: seiner Liebe zu Motorrädern und zur Fotografie von früh auf. Als er fünf Jahre alt war, nahm ihn ein Onkel mit in eine Dunkelkammer und er war fasziniert davon, wie verborgene Bilder mithilfe von Chemie sichtbar wurden. Für ihn war das Magie vom Feinsten.

Der nächste große Schritt war für ihn, als ihm sein Vater eine Pentacon 35 mm WWII Kamera aus Europa lieh, die er während seines Militärdienstes erworben hatte. Michael verliebte sich schnell in die Kamera und es dauerte nicht lange, bis er eine Dunkelkammer in der Waschküche der Familie einrichtete. Mit 13 verbrachte Michael genauso viel Zeit in der Dunkelkammer, wie er draußen mit dem Fotografieren verbrachte.

Michaels Verbindung zu Motorrädern verlief parallel zur Fotografie. Die anderen Kinder, mit denen Michael aufwuchs, hatten Zugang zu Mini-Bikes – kleine Motorräder, die von Rasenmäher-Motoren angetrieben wurden. Michaels Eltern erlaubten ihm nicht, eins zu haben, aber das hielt ihn nicht davon ab, sich nach der Schule mit Freunden zu treffen und ihre Bikes zu fahren. Mit zwölf Jahren hatte einer seiner Freunde eine Honda 90 ohne Kupplung, die es schaffte, den jungen Motorradfahrer zu begeistern. Mit 14 sah er dann Easy Rider im Kino mit einem Freund und seiner Mutter, was seine Vorstellungskraft nur weiter befeuerte.

„Das erste Mal, dass Motorradfahren mir richtig Spaß machte, war 1976, als mir ein Freund seine 1947er Harley-Davidson Knucklehead Chopper mit einer 24-Zoll Gabelung lieh. Das war zu schön, um wahr zu sein – nach den Mini-Bikes und anderen Fahrzeugen war das nun das einzig wahre“, sagt Michael. Das Motorradfieber hatte ihn offensichtlich gepackt und ca. drei Monate später kaufte er sich seine eigene japanische 450cc Maschine. Darauf folgte eine 1971er Harley Super Glide, die bereits etwas modifiziert war.

In den Siebzigern hat die Wanderlust Michael und seine Kamera in die weite Welt verschlagen. Er war mit wenig Geld unterwegs und machte kleine Jobs, die etwas Bargeld in seine Tasche spülten. Englisch zu unterrichten war eine besonders gute Art zu überleben. Einer seiner unvergesslichsten Jobs war aber die Auslieferung eines Autos von München nach Teheran in fünf Tagen. Das brachte ihm genug Geld für die nächsten Monate in Nepal, Pakistan, Afghanistan und anderen Ländern ein. In der Zeit konnte man noch von einem Dollar pro Tag leben.

Ende der Siebziger brachte ihm seine Motorradfotografie Aufträge ein. 1980 war er dann schon relativ bekannt als professioneller Motorradfotograf – ein Status, der in den folgenden Jahren noch hundertfach verstärkt wurde – durch Einsatzbereitschaft und das Verlangen, bestmögliche Arbeit abzuliefern.

Sogar Zuhause arbeitet er noch viel. Oft produziert er noch bis zwei Uhr morgens Studioaufnahmen. „Es hat sich alles sehr verändert. Ich fotografiere Motorräder seit den Siebzigern und das war immer eine Konstante. In den Mitteljahren, wie ich sie nenne, habe ich viel kommerzielle Fotografie gemacht und ziemlich große gewerbliche Shootings und jährliche Werbeberichte – für eine Computerfirma beinhaltete das auch immer jeweils ein schwarz-weiß Portrait-Shooting in acht verschiedenen Städten überall auf der Welt. Jetzt bin ich wieder dabei, meistens Motorräder zu fotografieren mit wenig kommerziellen Arbeiten.“

Eine der größten Veränderungen in der professionellen Fotografie sind laut Michael die gestiegenen Ansprüche. Seit Beginn der digitalen Fotografie besitzen mehr Leute Kameras und mehr Leute halten sich für Fotografen. Die Erwartungen sind noch höher und Printmagazine haben Schwierigkeiten. „Das heißt, dass ich noch härter arbeiten muss. Das ist erstaunlich, weil ich immer dachte, dass ich schon so hart arbeite wie möglich. Diese Erwartung bedeutet auch, dass ich nun texten muss und es noch mehr Bildbearbeitung gibt. Mit den heutigen Computern kann man überall arbeiten und entsprechend eben auch mehr Stunden.“

Eine andere Seite von Michaels Geschäft fällt auch ins Gewicht. Motorradkunst-Ausstellungen sind ein großer Teil seines Lebens geworden. Nicht nur das zur Schau stellen, sondern auch das ganze Shooting, die Organisation und die Ausstellung. Die Schaukästen müssen an die richtige Stelle und wenn wir von Schaukästen sprechen, geht es hierbei um Motorräder und Material, das zu Motorrädern gehört.

Die Ausstellungen in Michaels Leben begannen als Reaktion auf eine berühmte Ausstellung im Solomon R. Guggenheim Museum in New York. „The Art of the Motorcycle“ Ausstellung lief von Januar bis September 1998 und war die erfolgreichste Ausstellung, die es je im Guggenheim gab. Danach zog die Ausstellung weiter nach Bilbao, Vegas, Chicago und andere wichtige Städte.

„Es war eine gelungene, schöne Ausstellung mit Serienmotorrädern und ein, zwei Custombikes. Es war im Grunde Industriedesign, aber auf Motorräder bezogen. Damals dachte ich, dass die Kreativität bei Custombikes etwas weiter war, weil sie keine Einschränkungen hatten, die eine Serienproduktion mitbringt. Ich wollte die künstlerische Seite mit einbringen, die zweidimensionale Kunst, die beim Motorradfahren gilt, und wollte der Motorradwelt auch etwas zurückgeben. So kam ich damals zur Entscheidung, meine eigene Ausstellung in einem Rapid City Museum zu verwirklichen.“

Die jüngste Ausstellung fand 2015 bei der berühmten Sturgis Rallye statt. Wie alle seine Ausstellungen hatte es ein Motto. Dieses Motto hieß „Naked Truth“ und zeigte Motorräder auf 35 Podesten, alle strahlend beleuchtet, um ihren rohen Metallzustand zu zeigen. Alle nackt und ohne auffällige Lackierung. „Es war mein 15. Ausstellungsjahr und Naked Truth war wahrscheinlich meine kunstvollste Ausstellung und hätte leicht in eine Kunstgalerie umziehen können. Es war ein fabelhaftes Event und die Medienberichterstattung war global. Hot Bike, ein angesehenes japanisches Hochglanzmagazin, widmete der Ausstellung 26 Seiten sowie das Cover und nutzte sie auch als Basis für ihren 2016er Kalender.“

Michael zeigt seine fotografischen Werke nur alle fünf Jahre bei seinen Motto-Ausstellungen, normalerweise arbeitet er als Kurator. Die Naked Truth Ausstellung war eins dieser fünfjährigen Events und zeigte 35 Jahre seiner Fotografie. Die 105 Bilddrucke nahmen die ganze Wandfläche der 700 Quadratmeter Buffalo Chip Galerie in Sturgis ein. Die 2016er Show soll “Skin and Bones – Tattoo inspired Motorcycles and Art” heißen und wird sicher wieder ein Hit und erreicht vielleicht sogar ähnliche Reaktionen wie die vorherigen Ausstellungen.

„Ich habe einmal das Motto gewählt, dass keiner der Teilnehmer in den USA geboren sein durfte. Ich fand, dass es ähnlich der Britischen Invasion in der Musik war, als die USA Rock ’n’ Roll exportiert haben und es dann mit doppelter Power nach Großbritannien zurückkam. Der Einfluss dessen, was exportiert wurde, kam doppelt und dreifach aus Europa und dem Rest der Welt zurück. Es fiel den Amerikanern schwer, das zu akzeptieren, besonders in Sturgis. Viele realisierten, dass wir nicht unbedingt die Besten sind. Für mich ging es aber weniger um ‚wir sind nicht die Besten’, sondern vielmehr um ‚schau mal, was es da draußen in der Welt noch so gibt’.“

Es gibt noch eine Dimension in Michaels Arbeit, und zwar die Studiofotografie. Wie bei allem anderen, das das Leben mit Fotografie einfängt, ist er auch hier penibel, wenn es darum geht, das Objekt abzulichten. Dabei finden die Shootings in einer Umgebung statt, die man als steril beschreiben könnte. Wieder einmal sticht Michaels Arbeitsmoral hervor, diesmal bei der Verwendung der Belichtung und seiner Hingabe, um das ultimative Ergebnis zu erzielen – wundervoll detaillierte Aufnahmen, für die er berühmt ist. Ein perfektes Beispiel sind seine Fotos des aktuellen Bikes des Soulfuel Projekts von BMW Motorrad, der Custom R nineT von Jeff Wright (Church of Choppers).

Wenn Michael Lichter nach einer besonderen Inspiration für andere Fotografen oder einem perfekten Beispiel seiner Arbeit gefragt wird, antwortet er: „Ok, Leute haben mich das schon oft gefragt. Wenn es um Inspirationen für andere Menschen geht, dann müssen die Menschen das selbst entscheiden. Ich werde nicht sagen, dass das ein oder andere Stück inspirierend ist. Das ist, als würde man gefragt, ob man ein Künstler sei oder Kunst mache. Ich sage immer, das müssen andere entscheiden. Ich gestalte Fotografie und wenn andere Menschen sie für kunstvoll halten, dann ist das toll. Wenn sie mich einen Künstler nennen, dann ist das auch toll. Aber diese Titel verdient man sich, die bekommt man verliehen.“

Er kann das Leben, Motorräder und das Leben mit Motorrädern in Bilder verwandeln, die verblüffen. Wenn man seine Arbeitserfahrung und seine Begabung bedenkt, kann man sagen, dass Michael Lichter es definitiv verdient hat, als talentierter Künstler wahrgenommen zu werden.